19. Mai 2020

Außer Kontrolle

 

Als der Wurstfabrikant „Wilke“ mit seinen Listerien aufflog und klar wurde, unter welch skandalösen Bedingungen Lebensmittel hergestellt wurden, war die Aufregung groß und der Aufschrei laut. Es bedurfte allerdings einer Pandemie, der Öffentlichkeit klar zu machen, wie die „systemrelevanten“ Fleisch- und Wurstwaren tatsächlich hergestellt werden. Die von Subsubsubsub-Unternehmen mit Billigstlöhnen abgespeisten meist in Osteuropa rekrutierten Arbeitskräfte haben sich wohl weniger im Fließband als in ihren allen Hygieneregeln Hohn sprechenden Unterkünften mit dem Virus infiziert. So wird endlich deutlich, warum Fleisch zum „Kracher“-Preis in die Kühlregale der Discounter geworfen werden kann. Beispiel: Das Kilo Schweinenackenkotelett, wie es in diesen Tagen millionenfach auf deutschen Grills landet, für magere 4,27 Euro. Freilich geht es sogar noch billiger. Aber dass hinter einer solchen Zahl nicht nur eine das Wohl  der Tiere missachtende Massenhaltung steht, sondern auch eine menschenverachtende Ausbeutung. All das ist keine Neuigkeit. Sie wird wie so vieles in Zeiten dieser Coronakrise offenkundig. Die Medikamente in Asien billigbillig hergestellt, Flugreisen zum Preis eines Straßenbahn-Tickets, Klamotten und Lebensmittel für kleinstes Geld. Der Markt, der angeblich alles regelt, ist im Rausch der Niedertracht skrupelloser Geschäftemacher völlig außer Kontrolle geraten. Und die aufpassen sollten, schauen diesem Treiben zu, nein, sie schauen weg. Der schier unersättliche Verbraucher, der sich seine nächste Urlaubsreise vom Munde abspart, wird zum Billigstpreis für dumm verkauft. So isses. Reiner Trabold 

 

17. Mai 2020

Weltverschwörung

 

 

Spinner und Besessene, Hetzer und Wahnsinnige gab es schon immer. Allein die ich innerhalb kurzer Zeit sonntags an der Speakers Corner des Hyde Parks selbst habe predigen hören. Seit 150 Jahren gibt es die Ecke im Nordosten des Parks, und viele, viele skurrile, auch amüsante, sogar wahre Geschichten sind hier schon rausposaunt worden. Marx, Lenin oder Orwell waren da, Leute also, die ihre Ideen unters Volks gebracht haben. Allein, sie hatten früher nicht die Plattform, die ihnen heute mit Youtube, Facebook, Twitter oder anderen social media im weltweiten Netz zur Verfügung steht. Da können sie ihren Irrsinn kostenlos und ungeschützt rausschreien und mit Schaum vorm Mund geifern. Eine Pandemie wie die Pest war schon im Mittelalter die große Stunde der Weltverschwörer, damals vornehmlich noch in der Kutte der Kirche, Fanatiker, die mit Feuer und Schwert zur Jagd auf die angeblich Schuldigen riefen. In den merkwürdigen Zeiten von Corona sitzen sie völlig normal wirkend in einem Newsroom und erzählen allen, die zufällig oder nicht auf ihren Kanal stoßen, was und wer ihrer Meinung nach hinter der Seuche steckt, quasseln sich in Rage, werden zu Hasspredigern, wiegeln auf und berufen sich auf „zuverlässig recherchierte Quellen“. Immer mehr Menschen lassen sich so vom Virus der pandemischen Verschwörungstheoretiker anstecken und auf die Straße locken. Ziel der Attacken: Die da oben, die Mächtigen, die Regierung, die „Drahtzieher des Weltgeschehens“, immer gern auch Microsoft-Chef Bill Gates, mithin das Böse – oder auch das 5G-Mobilfunknetz, ein Werk des Teufels. Diese Botschaften schaffen es offensichtlich, viele zu infizieren. Keine Theorie ist abstrus genug, um nicht offene Ohren zu finden. Es kann, es muss einen grausen, sage ich von meiner kleinen Speakers Corner aus. Reiner Trabold

 

 

 

7. Mai 2020

Ein Unding

Hurra, wir kicken wieder! Wieso kann ich mich nicht darüber freuen, dass in der  Bundesliga der Ball in leeren Stadien rollen darf? Wahrscheinlich geht es mir wie so vielen Kritikern dieser Lockerung: Sie hat eine absolut negative Signalwirkung, passt aber zu den Widersprüchlichkeiten des ganzen Umgangs mit der Pandemie. Mir ist das Vorgehen jedenfalls nicht zu vermitteln. Wie kann es sein, dass im Zeichen des Kommerzes Tausende Tests für Profikicker möglich sein sollen, während noch nicht einmal medizinisches Personal in Kliniken und in der Altenpflege in ausreichendem Maße getestet wird? Das Argument, die von der Krise gebeutelte Gesellschaft brauche den Kick im Fernsehen für die Seele (Brot-und-Spiele-Effekt), scheint mir vorgeschoben. Der Schritt erweckt bei mir keinerlei Vorfreude, sondern befördert den Verdacht, dass vor Corona doch nicht alle gleich sind. Kann ja wohl nicht sein, dass der Kampf ums Leder „systemrelevant“ ist, in allen anderen Ligen der Welt der Spielbetrieb aber ruht. Die jetzt verkündeten Lockerungen gehen mir angesichts der Tatsache, dass wir im Moment noch einen Maulkorb (Mundschutz) zu tragen haben, einfach zu schnell.  Es stört mich zum Beispiel, dass unser Gesundheitssystem bis heute nicht in der Lage ist, wenigstens der Risikogruppe, den angeblich so schutzbedürften Vorerkrankten und Alten, mit einigermaßen virensicheren FFP-Masken zu schützen.  Immerhin darf ich vorerkrankter Diabetiker mir meine lädierten Fußballen jetzt wieder medizinisch pflegen lassen – obwohl ich nicht Bundesliga spiele, ja noch nicht einmal gucken werde. Dass hierzulande wieder gekickt werden darf: ein Unding. Reiner Trabold

 

 

 

4. Mai 2020

 

Corona, ein Traum

 

„Stadtleben am Wendepunkt“, meine Sonntagszeitung ist der Frage nachgegangen, wie die „aktuelle Situation“ unsere Einstellung zum  Wohnen verändert. Ein Dutzend Überlegungen, Ideen, Gedankenfetzen. Da ist eine Jennifer, die mit ihren Kindern vor Corona aufs Land zu den Eltern flieht. Sechs Wochen Traumurlaub auf dem Bauernhof, alle glücklich. Und am Ende? Sechs Wochen Dorf reichen! Jennifer will zurück in die Stadt, weil dort die Kinder mit Mundschutz Fahrrad im Hof fahren. Dann ist da ein Stephan aus Köln, der sich die Innenstadt „als Kiez“ träumt. Weil die großen Kaufhäuser wegen des Online-Handels unattraktiv werden, wünscht er sich, „dass die Innenstädte in Zukunft wieder bewohnt werden“. Die Innenstadt als eine Art Stadtteil, in den nicht mehr Massen von Menschen zum Shoppen fahren. Wäre das nicht paradiesisch? Eine Stephanie aus Dienheim geht noch weiter: „Autos raus aus der Stadt.“ Ihr Traum: Gemüse statt Rosenbeete, Grünstreifen für Anwohner, Dachbegrünung, hängende Gärten. Christian aus Düsseldorf kann sich lokale Kleinstzentren vorstellen, wo auf dem Dach des Supermarktes auf der Grünen Wiese die gesamte Infrastruktur des täglichen Lebens untergebracht wird. „Coworking-Space“ heißt sein Zauberwort. Und so geht das über eine ganze Zeitungsseite. Kuschelig leben im City-Kiez, die  Supersupermärkte raus aufs Land, wo ja Platz ist, bestellt wird online, geliefert mit Kleinlastwagen von ausgebeuteten Billiglöhnern mit Migrationshintergrund. Träumt weiter von der „brave new world“. Träumt weiter. Reiner Trabold