10. Oktober 2020

Glück im Glück

 

Lyrik ist nicht meins. Amerikanische habe ich zwar während meines Studiums gelesen, aber selten mit Freude. Und jetzt: Amerikanische Dichtkunst auf dem Olymp. Der Literaturnobelpreis, spätes Glück für Louise Glück. Es ist etwas Besonderes Glück zu heißen, denn allein der Name sagt, dass die Autorin nichts Böses im Licht führen kann. Oder doch? Ich habe die ersten Poems in „The Wild Iris“ auf Deutsch und Englisch gelesen und bin bis zu den „Snowdrops“ gekommen, also schon im frühsten Frühling nicht richtig aufgetaut. Im Gegensatz zu den Schneeglöckchen, die im „raw wind of the new world“ unverzagt sprießen, sich freuen („afraid, yes, but among you again“) wieder unter uns zu sein. Spätestens bei der Klematis, die an einem „klaren Morgen“ („obstacle of the clematis painting blue flowers on the porch window“) blaue Blüten ans Verandafenster malt, bin ich ausgestiegen. Die wilde Iris gilt als das Meisterwerk von Louise Glück, aber Glücks Gedankenband nimmt mich nicht mit. Der Gedichtband ist alles andere als aktuell, ist schon 1992 im Original und 2008 in deutscher Übersetzung erschienen. Das Werk hat also seine Zeit gebraucht, wie das Schneeglöckchen aus dem Boden zu stoßen und erblüht vom Nobelpreis-Komitee als ausgezeichnet wahrgenommen zu werden. Ein Glück auch für den Luchterhand-Verlag, für den der Gedichtband für Insider bisher  wohl eher ein Ladenhüter gewesen sein dürfte. So überrascht die Akademie immer mal wieder, nun mit einer „unverkennbar poetischen Stimme“, die in den USA bisher lauter erschallte als diesseits des Ozeans. Die Yale-Professorin Glück musste 77 Jahre alt werden, bis sie für Gesamtwerk (es umfasst vieles Essays sowie ein gutes Dutzend Gedichtsammlungen und mit „Averno“ die 2006 veröffentlichte Neubeschreibung des Persephone-Mythos) ausgezeichnet wurde. Für „Wild Iris“ hatte sie schon 1993 den Pulitzerpreis erhalten. Reiner Trabold

 

 

 

3. Oktober 2020

 

Smart in der Holzhofallee

An der Stelle, an der ich vor ein paar Jahren mit noch mein Hirn strapaziert habe, um den ECHO-Lesern tagtäglich eine interessante, gut recherchierte, intelligente Lektüre zu bieten, arbeiten heute Forscher am Zukunftsprojekt künstliche Intelligenz. Lese ich in der Zeitung, bei der ich als Redakteur weit mehr als 30 Jahre angestellt war. Die meiste Zeit davon in verantwortlicher Position. Mit den auf der Festplatte in meinem Kopf abgespeicherten Erinnerungen laufe ich durch die dusteren Redaktionsräume. Schon Anfang des Jahrtausends hieß es, das alte Gebäude sei so baufällig, dass es spätestens 2012 einstürze. Es wurden sogar Notfallpläne erstellt, wohin sich die Journaille flüchten könnte. Nein, es waren nicht die modernen Gebäude, wie ich sie jetzt auf Seite 25 abgebildet sehe, die wir uns im Geiste schon einrichteten. Und der Bauhelm mit integrierter Kamera war noch lange nicht erdacht. Es blieb alles wie gehabt. Nichts stürzte ein. Nur das Unternehmen ging in die Brüche, nachdem es ein Unternehmensberater so optimiert hatte, dass sich keiner nicht mehr auskannte. Weil sich die Denkmaschine Redaktion dem Umstrukturierungsprozess nicht so einfach anpassen konnte oder wollte, wurde sie von der Heeresleitung sogar als „Blackbox“ des Hauses verschrien, von der keiner wisse, was sie macht (außer in sturer Regelmäßigkeit eine Zeitung). Ja, so war das. Damals. Heute werden an der Stelle in der Holzhofallee smarte Robotik und künstliche Intelligenz für den Bau entwickelt. Algorithmen automatisieren intelligente Handlungsweisen. Künstliche Intelligenz entdecket Baumängel wie zum Beispiel schiefsitzende Kühlschrankgriffe. Das leiten sie per Knopfdruck (wahrscheinlich eher per Klick) an zuständige Handwerker weiter. Wie sich die Zeiten ändern. von reiner trabold

 

 

 

2. Oktober 2020

Mein Streiflicht

 

Das „Streiflicht“ in der „Süddeutschen Zeitung“ ist jeden Morgen ein Highlight. Zum Wochenende, an dem die Wiedervereinigung Deutschlands schon 30 Jahre alt wird, befasst sich die Kolumne damit, dass Vereinigung und Einheit zweierlei Schuhe sind. Es sei daran erinnert, dass vielen, was im Leben und in der Politik zusammengefügt wird, offenbar nicht zusammen sein will. Dazu fällt dem Streiflicht-Autor auch einiges ein. Mir auch. Ich denke an die Gebietsreform in Hessen. Damals wurden Gemeinden per Dekret aus Wiesbaden mit Bindestrichen zusammengeklammert, die partout nicht eins werden wollen. Darmstadt und Dieburg zum Beispiel. Wie eint man zwei Kreise? Es ist auch nach 50 Jahren nicht gelungen, Darmstadt-Dieburg eine Identität zu verpassen. Als Dieburg sein altes Autokennzeichen DI zurückbekam, haben es sich nicht nur Dieburger ans Auto geschraubt, sondern auch viele, die nicht DA sein wollen. Nehmen wir Seeheim und Jugenheim. Zwei ehedem selbstständige Gemeinden, die in die Ehe gezwungen wurden und sich noch immer spinnefeind sind. Es soll Seeheimer geben, die lieber nach Mühltal zum Baden fahren als ins naheliegende Jugenheimer Freibad. 15 Kilometer trennen Dieburg an der Gersprenz von der Wissenschaftsstadt am Woog. Ich habe das Gefühl, die Distanz hat sich in den vergangenen Jahren mehr als verdoppelt. Und wie kommt es, dass sich der Pendler in der einstigen Stadt der Künste unerwünscht fühlt, wenn er auf dem Weg zum Arbeitsplatz an der Pförtnerampel im Stau steht? Ich sollte jetzt noch darüber meckern, dass die Grünen in der Stadt im Grünen vor acht Jahren die dringend notwendige Nordostumgehung in die Tonne gekloppt haben. Soweit mein persönliches „Streiflicht“.

 

 

1. Oktober 2020

 

Blick aufs Schwein

 

Da lacht das Kunden-Herz. Beim Durchblättern der Hefte der Discounter-Hefte fällt mir auf, dass die Preise für Schwein schweinisch konstant im Keller sitzen. Trotz oder vielleicht gerade wegen der ganzen Corona-Aufregung um Großschlachter Tönnies. 4,49 Euro das Kilo von der Metzgerplatte bei Aldi. Minus 22 Prozent kostet das Kilo Schnitzel bei Netto. Für knapp fünf Euro das Kilo sind Kammkoteletts zu haben. 1000 Gramm Krustenbraten vom Schwein hat Netto zum Super Wochenende für schlanke 4,44 Euro im Aktions-Angebot. Und zur groben Bratwurst verwurschtelt ist Schwein für 4,30 Euro das Kilo noch günstiger. Sparsamer ist nur „Sancho“ Hunde-Nassnahrung. Sechs Dosen à 1240 Gramm für 5, in Worten fünf Euro. Macht Herrchen froh, nicht nur den Hund satt. Preisknüller, die Appetit machen. Auch weil die niedrigere Mehrwertsteuer (16 statt 19 Prozent) bereits eingerechnet ist. Gut, dass zum Bunkern bei Lidl Gefrierschränke zum Schleuderpreis (minus 17 Prozent) von eiskalten 222.13 Euro im Heft stehen. Da nehme ich am besten gleich zwei. Reiner Trabold

 

 

 

Zu Lidl

 

Vorbildliche Werbung fürs Tierwohl beim blaugelben Diskounter. Das Ehepaar Schewe, „unsere Landwirte" aus Oldendorf, lächelt im fein herausgeputzten Schweinestall freundlich in die Kamera. Sonja und Oliver in fröhlicher Gesellschaft mit einer handzahmen Sau im Hof Rathjens. Die Schweinebauern rühmen sich, zum Beispiel Ferkeln mehr Platz und „zusätzliche Beschäftigung“ zu bieten. Das kommt beim Kunden genauso gut an wie das Geschnetzelte vom Schwein für 6,05 Euro das Kilo. Es ist ab 1. Oktober in der familienfreundlichen XXL-Kunststoffpackung je 800 Gramm für 4,84 Euro in den Kühltheken der Lidl-Märkte vorrätig. Da fühlen sich nicht nur die Tiere, sondern auch die Kunden wohl. Reiner Trabold