11. August 2020

 

Olaf

 

Nein, keine Überraschung, dass nach Schulz auch ein Scholz die Sozialdemokratie aus dem Tal führen soll. Überraschend allenfalls der frühe Zeitpunkt so weit vor der Nach-Merkel-Wahl im Herbst nächsten Jahres. Da bleibt viel Zeit. Ich will noch nicht glauben, dass die Genossen sie nutzen, sich hinter ihrem Kandidaten zu sammeln. Lasse mich gern eines Besseren belehren. Nominieren muss Olaf Scholz noch ein Parteitag. Dann wird auch klar werden, wie das Wahlkampfprogramm konkret aussieht und wie nah es denen kommt, die bei SPD und Olaf ihr Kreuz machen sollen. Die Seuche hat die Entscheidung für den tüchtigen Finanzminister befeuert. Erst als Manager der Krise hat Scholz erkennen lassen, dass seine betont ruhige Art eine Stärke ist. Dass nun vor allem die Gegenseite wettert, die SPD habe mit ihrem Schachzug den Wahlkampf viel zu früh gestartet, ist verständlich. Denn vor allem die CDU hat ja noch nicht einmal AKK abgeschüttelt, geschweige denn einen neuen Vorsitzenden gefunden, während der überstarke Bayer noch damit beschäftigt ist, sein Interesse an der Kanzlerkandidatur zu dementieren. An Markus Söder, dem im Corona-Fieber gewachsenen Alpha-Mann, führt ebenso kein Weg vorbei wie an Scholz oder am Grünen Robert Habeck. Die Stärke der schwachen SPD ist, dass sie jetzt mit dem Mann an der Spitze endlich Profil gewinnen kann, den sie hat durchfallen lassen. Scholz wird nun zum eigentlichen Chef, Esken und NoWaBo werden ihn nach Kräften unterstützen müssen – wenn sie nicht zu Statisten werden wollen. Nur so hat die SPD eine Chance, mehr zu werden als ein kleiner Koalitionspartner. Reiner Trabold

 

 

10. August 2020

 

Von der Lockerung

 

Im Frühjahr, noch lange vor dem März mit dem Shutdown, war davon die Rede, das Seuchen-Virus werde es im Sommer schwer haben. Stimmt. Schwerer ist exakt. Die Menschen an der frischen Luft (ausgenommen die, die sich die Viren von Klimaanlagen um die Nase wirbeln lassen), meist (wenn auch längst nicht immer) auf Distanz, in geschlossenen Räumen vorschriftsmäßig maskiert. Das hat die Fallzahlen auf ein Minimum gesenkt. Grund zur Lockerung, zur Rückkehr zur Normalität. Dabei wird die zweite Welle gerade programmiert. Die Zahlen steigen, und die Gesundheitsämter heben mahnend die Finger. Gründe für den Anstieg: Da fallen mir vor allem jüngere Leute auf, die fleißig ischgeln und die Gefahr meinen ignorieren zu können. Sie übersehen, dass sie das Virus mit tödlichen Folgen weitergeben können. Zum andern treffen sich viele in kleinen Gruppen, machen Party, feiern sich und tun so, als sei die Pandemie von gestern. Irrtum, Leute, wir stehen am Anfang. Ein Impfstoff ist fern. Ein zunehmend wichtiger Grund für den Anstieg der Zahlen ist, dass zum Ferienende Lustreisende aus Covid-Risiko-Gebieten zurückfliegen. Ein Irrwitz: Nicht nur, dass schon der Flug in dichtbesetzten Kabinen riskant ist, die Urlauber werden bei der Einreise auch nicht zum Test gezwungen (Stationen sind vorhanden). Sie haben stattdessen drei Tage Zeit und können sich dann beim Hausarzt checken lassen. Zwischendrin haben sie Zeit,  anderen von ihren Urlaubserlebnissen zu berichten – und sie zu infizieren. Was soll das? Ungeheuerlich, dass Ferienreisende auch noch auf Kosten der Allgemeinheit getestet werden.  Ähnlich unbegreiflich ist mir, Kinder ohne Maske in die Schule gehen zu lassen. Ein „Experiment“, heißt es. Mit Kindern!? Was ist los in einem Land, das mit der Pandemie bisher so vorbildlich umgegangen ist? Reiner Trabold

 

 

7. August 2020

 

 

E-mobil

 

Jetzt wird klar, was die Kanzlerin meinte, als sie von einer Million E-Fahrzeugen im Jahr 2020 sprach. Es kann sich nur um E-Bikes gehandelt haben. Die verzeichneten schon 2019 mehr als die versprochene Million. Die jährlichen Zuwächse liegen bei 30 Prozent. Davon kann der Automarkt, speziell der für E-Mobile, nur träumen. Das Rad mit Elektromotor war anfangs vor allem was für Senioren. Inzwischen lassen sich selbst die Jüngsten mit Akku-Unterstützung dahinrollern. Und die Politik macht Radlern flugs Wege frei, die vor wenigen Stunden noch dem Auto gehörten. Pendler, die früher den Wagen bestiegen, um zur Arbeit zu kommen, schalten aufs e-mobile Fahrrad um. Es rächt sich, dass es zwar nicht an Fahrrädern fehlt, sondern an vernetzten, breiten Wegen auf und an den Straßen. Da reicht es nicht, wenn findige Straßenverkehrsämter Fahrradstraßen ausweisen, den Rad- vom Autoverkehr trennen und Schilder aufstellen. Es mangelt auch an Unterstellplätzen. Wie auch immer: Auf die durch die Pandemie beschleunigte Veränderung des Individualverkehrs waren die verantwortlichen Planer ebenso wenig vorbereitet wie Hersteller und Handel. Corona ist hoffentlich nur eine Zeiterscheinung, das Rad als Verkehrsmittel der Wahl rollt weiter. Daraus lässt sich mit etwas Verstand und Umsetzungswillen viel machen. Das schwere Auto als Fortbewegungsmittel auf kurzen Wegen bleibt dabei auf der Strecke. Gut so. Reiner Trabold