Cider World: Vergoldete Äpfel

foto: copyright regina trabold
foto: copyright regina trabold

10. Juni 2022

  Auszeichnungen bei der Cider World in Frankfurt unter anderen für die Keltereien

Maley aus dem Aostatal, Abavas aus Lettland und Herberth aus Kronberg

 

Noch wenige Tage vor der Verleihung des Ciderworld-Awards hatte Michael Stöckl, Mitbegründer und Geschäftsführer der Messe in Frankfurt, einem kleinen Publikum bei einer Weinprobe im „Lorsbacher Thal“ einen Cidre der Kelterei Maley aus dem Aostatal eingeschenkt und von Weinbergen in 900 Meter Höhe am Fuße des Matterhorns gesprochen. Jetzt erklomm der Cidre Saint Bernard eben dieses Produzenten in der Kategorie Cider (still) mit 120 von 120 möglichen Punkten den Gipfel und gewann Gold, die höchste Auszeichnung der internationalen Jury der Apfelweinmesse.

In der Kategorie Cider sparkling erreichte auch die Kronberger Kelterer Georg Peter Herberth mit seinem „Apfelklassiker Apfelschaumwein herb” 120 Punkte und gewann Gold. Herberth verarbeitet ausschließlich Äpfel von heimischen Streuobstwiesen. Noch heute befinden sich viele Hochstamm-Bäume im Familienbesitz. Manche wurde noch vom Großvater gepflanzt. Er bevorzugte Trierer Weinäpfel, Berliner Schafnasen, Roten Boskoop und Anhalter-Äpfel zur Herstellung seines Haus-Schoppens. In dieser Herberth‘schen Apfelwein-Tradition war und ist Qualität oberstes Gebot. Das setzt strenge Qualitätskontrollen von der Apfelannahme, durch alle Verarbeitungsstufen bis zum fertigen Produkt in der Flasche voraus. Für die ausgezeichnete Qualität sprechen mehrere Auszeichnungen wie den jetzt bei der Ciderworld verliehe Award.

Gleich zwei Awards in Gold räumte die Abavas Family Winery von Martins Barkans aus Lettland ab, und zwar in den Kategorien Perry & Flavoured Cider. Dabei erzielte der halb-süße Rhabarber-Wein 114 Punkte und der Cider von den Streuobstwiesen 115 Punkte.

 

 

Treffen mit Martins Barkans

Noch am Tag vor der Verleihung treffe ich Martins Barkans (50) zufällig bei einer Weinprobe des diesjährigen Ehrengastes Norwegen im norwegischen Restaurant „Naiv“ in Frankfurt. Der frühere Manager erzählt mir, wie er zum Cider kam. Er habe 2007 seine Flitterwochen in der Toskana verbracht und sei dabei auf den Weingeschmack gekommen. „Wir haben Chianti getrunken, und da wurde mir klar, dass ich zu Hause in Lettland Wein aus Trauben machen wollte. 2010 stockte er auf 1,5 Hektar Weinberg auf. Riesling, Chardonnay, Pinot Nior, danach auch noch „amarican grapes“. 

Um zu testen, wie Wein gemacht wird, fing der Selfmade-Winzer mit Äpfeln an, die in seiner Heimat im Slampe County am Abavas zwar später reifen als in Deutschland, aber im November kurz bevor es Winter geerntet werden. So kam er ins Cider-Geschäft. Seinen größten Erfolge feierte Barkans freilich nicht mit Apfel, sondern mit Rhubarb, für den er jetzt mit dem Award auszeichnet wurde. Aus dem Gemüse Rhabarber habe er zunächst ein paar Flaschen Sparkling Wine gemacht, die er Freunden schenkte, erzählt er mir. Im nächsten Jahr waren es schon 2000 Flaschen, und es wurden immer mehr. Denn das Getränk aus 100 Prozent Rhabarbersaft kommt bestens an. 

Martins Barkans: „Wir haben verstanden.“ Äpfel seien in Lettland überall zu bekommen, und schnell sei ihm klar geworden, dass Cider wie Traubenwein gemacht werde. 2014 kam er zur ersten Ciderworld nach Frankfurt. Inzwischen produziert er nach eigenen Angaben 400000 Flaschen verschiedenster Getränke, wobei der Trend zweifelsfrei zum süßen Cider gehe: Prickelnd, süffig, wenig Alkohol. „Oft die erste Alkoholbegegnung junger Frauen“, weiß Martins Barkans. 

Frische, knackige Apfelweine für den Sommer, Glühwein aus Schwarzen Johannisbeeren für die im Norden lange kalte Jahreszeit, Obstbrände bis hin zu perlenden Säften mit und ohne Ingwer; die Bandbreite der Drinks aus dem Baltikum ist groß und wird offenbar immer größer. 

„Umso größer du wirst, desto kommerzieller werden deine Produkte“, mahnt sich der Manager. „Mit Äpfeln kann man alles Mögliche machen“, stellt er fest, dass der Markt („it’s a mess“) um den Apfel verwirrend sei. Denn es gebe kein Reglement („What the hell is a cider? Cider ist everything“), der Begriff sei beliebig derart dehnbar, dass sogar Cider genannt werden könne, was möglicherweise Apfel enthält. Reiner Trabold

 

 

Der Cider World Award

ist ein wissenschaftlich basierter Preis, der von der Cider World in Zusammenarbeit mit der Hochschule Geisenheim University dieses Jahr bereits zum fünften Mal verliehen wird. 

Den Ehrenpreis als „Cider Star of the Year“ erhielt erstmalig Prof. Dr. Frank Will für seine Mitwirkung und Mithilfe bei der Entwicklung und Umsetzung des Cider World Awards seit 2017.

Der Cider World Award wird in Kooperation mit der Hochschule Geisenheim University, eine der weltweit führenden Universitäten im Bereich der Getränketechnologie, veranstaltet. Hier wurden alle 185 eingereichten Produkte im Institut für Getränkeforschung analysiert.

Eine internationale Jury bestehend aus geschulten Fachleuten verkostet und bewertet alle Produkte sensorisch nach einem 120-Punkte-Schema. Dabei wird länderspezifischen und regionalen Eigenheiten Rechnung getragen.

Gold erhalten Cider mit 109 bis 120 Punkten, Silber gibt es für 97 bis 108 Punkte und Honor für 80 bis 96 Punkte. Zudem wird eine Cider World Medal 2022 als Sonderpreis für das beste Produkt in der jeweiligen Kategorie verliehen. „Durch die wissenschaftliche Analyse und die ausführliche Bewertung im Rahmen des Cider World Awards erkennen Keltereien die Entwicklungsmöglichkeiten ihrer Produkte. Schließlich erhalten schon Apfelweine mit mindestens 80 Punkten ein Zertifikat, und das zeigt, dass sie das Potential für eine tolle Weiterentwicklung haben“, erklärt Michael Stöckl.

von Reiner Trabold

 

Die Gewinner der Cider World Medal 2022 in den einzelnen Kategorien:

 

Cider – still:

 

„Kühbrein – Champagner Renette”, Kühbrein Most aus Österreich (120 Punkte)

 

„Cidre du Saint Bernard”, Maley aus Italien (120 Punkte)

 

 

Cider – sparkling:

 

„Secco Rosé”, Genussmosthof Veitlbauer aus Österreich (120 Punkte)

 

„Jes Cider”, Jens Eberhardt Schaumweine aus Deutschland (120 Punkte)

 

„Apfelklassiker Apfelschaumwein herb”, Kelterei Herberth aus Deutschland (120 Punkte)

 

 

Perry & Flavoured Cider – still:

 

„Abavas Rhubarb Semi-Sweet Wine”, Abavas Family Winery aus Lettland (114 Punkte)

 

 

Perry & Flavoured Cider – sparkling:

 

„Abavas Meadows Cider”, Abavas Family Winery aus Lettland (115 Punkte)

 

 

Ice Cider – Dessert Wine:

 

„NeRo Ice Cider”, NeRo aus Norwegen (120 Punkte)

 

 „Birnoh”, Stahringer Streuobstmosterei aus Deutschland (120 Punkte)

 

 

Non Alcoholic:

 

„Handcrafted Cider alkoholfrei“, Der Stotz Hof aus Deutschland (117 Punkte)

 

 

 Brandy:

 

 „Hardanger Eplebrennevin“, Hardanger Saft og Siderfabrikk aus Norwegen (114 Punkte)

 

fotos: copyright regina trabold