Notizblog zum Advent

 

8. Dezember 2022

 

Es hagelt Kritik. Nein, nicht dass ich Kritik nicht abkönnte. Ich habe in meinem langen Leben schon genug ausgeteilt und anderen mit Kommentaren den Marsch geblasen. Naja, das ist schon einige Zeit her. War ich jemals unfair, habe ich über die Stränge geschlagen? Sicher. Aber es war, denke ich, meist gut begründet und sachlich gerechtfertigt, wenn ich Kritik geübt habe. Heute ist das, was ich zu hörem oder lesen bekomme, oft kein Kontra, sondern einfach gehässig, verletzend und irreparabel. Ich fürchte, auch hier geht ein Stück Kultur dahin.

 

 

7. Dezember 2022

 

Aus in den Vorrunden 2018 und 2022. Aus im Achtelfinale bei der EM 2018. Das reicht vielen, um den deutschen Fußball in Grund und Boden zu quasseln – und nach der Mannschaft ausgerechnet Manager Bierhoff in die Wüste zu schicken. Die Nationalelf hat’s zweimal hintereinander vermasselt. Schade. Schande, schreien viele. Nun, eine Schande war es, überhaupt anzutreten im Land der Kamele, der Sklavenarbeit und Homophobie. Länder wie Italien haben sich diese Schande erspart, indem sie sie sich erst gar nicht  qualifizieren wollten. (tra)

 

6. Dezember 2022

 

Die Stiefel waren vorschriftsmäßig geparkt vor der Wohnungstür. Oft war ich damit schon erfolgreich? Und jetzt. Nix. Noch nicht einmal ein bisschen Naschwerk. Selten habe ich mich so verraten gefühlt. Regelrecht im Stich gelassen. Ich bin sauer, weil’s nichts Süßes gegeben hat. Ob’s daran liegt, dass ich dem bösen Ruprecht die Tür nicht geöffnet habe? Mich beschleicht ein schlechtes Gewissen. Die leeren Stiefel muss ich mir heute wohl anziehen. (tra)

 

5. Dezember 2022

 

Nikolaus ist ein braver Mann. Aber er hat einen Knecht, der heute Abend sein Unwesen treibt. Ruprecht kommt mit Rute und Ketten, um all die Sünder auf- und heimzusuchen, die ihre Sünden noch nicht gebeichtet haben. Diese Bösen steckt er in den Sack. Der Kinderschänder geht übers Land und hat das schlechte Gewissen dabei. Wo ist der, der ohne jeden Tadel ist? Nun. Es ist der, der uns den nächsten Morgen versüßt, nachdem uns sein Knecht besucht hat. Der brave Mann. (tra)

 

 

4. Dezember 2022

 

Jammern hilft nicht. Höre ich immer wieder. Stimmt aber nicht. Zeigt mir mein Hund jeden Tag. Charlíe kann tonlos jammern, wenn sie nicht das bekommt, was des Beagles ist. Fresschen, Leckerli, Belohnung. Nix wie her damit. Ich bin immer wieder fasziniert, mit welch selbstverständlicher Gier das Tier nach dem schnappt, was ich ihm zuwerfe. Diese abgrundtiefen schwarzen Augen, den Kopf zur Seite geneigt, der treue Blick, das gnadenlose Flehen.  Jammern macht Sinn. (tra)

 

 

3. Dezember 2022

 

Aus, aus, das Spiel ist aus. Wieviel im Aus war der Ball, der Japan das Siegtor gegen Spanien bescherte? Es wäre klar gewesen, wenn es nicht den Video-Beweis gäbe, der den Umfang eines Fußballs so genau berechnet, dass er noch die Linie berührt und daher nicht in vollem Maß darüber hinaus ist. Jedes menschliche Auge sieht es ganz anders als die Maschine. So entscheidet eine Fingerspitze oder Haartolle über ein Abseits, wenn der Computer Schiedsrichter ist. Wie bedauerlich, dass es den Video-Beweis nicht schon 66 in Wembley gab. (tra)

 

2. Dezember 2022

 

56 Mal.

Ich habe mitgezählt. In nur einer Sendung von 45 Minuten fällt 56 Mal das Wörtchen „genau“. Es wird gern gebraucht, wenn etwas exakt so ist, wie es sein soll. Aber es nervt, weil natürlich nicht, nun, sagen wir, wenig so ist, wie es zu sein hat. Sondern Zustimmung signalisiert wird. Ja, du hast Recht, und ich widerspreche nicht. Unnötig, es zu sagen und auch noch mehrmals zu wiederholen. Ihr wisst, was ich meine. Genau. (tra)

 

 

1. Dezember 2022

 

Frieden.

Das Wort, das mir zum heutigen Tag nach Krieg als erstes einfällt. Nichts wünsche ich mir mehr als Frieden, wenn ich heute das erste Adventstürchen des Jahres 2022 öffne. Es ist schwer zu verstehen und noch weniger zu ertragen, dass sich Menschen gegenseitig umbringen, weil es ihnen ein Irrer befohlen hat. Nichts wünsche ich mir zum Advent mehr, als dass auf dieser drangsalierten Erde, beschauliche Ruhe herrscht, keine Schüsse. Stille. Frieden. (tra)

 

 

 

 

19.11.2022

 

So leb denn wohl

 

Darmstadt, da muss durch, wer rein will. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, und der Autofahrer darf auf allen Straßen der Stadt nur noch kriechen. Egal, wie breit und gut ausgebaut die Wege sind, Schleichgeschwindigkeit, „wo immer es geboten scheint“ (also überall) scheint unausweichlich. Gründe, langsam zu tun, gibt es zuhauf: Kitas, Schulen, Alten- und Pflegeeinrichtungen oder Krankenhäuser, Lärmschutz, weniger Schadstoffe und Unfälle. Runter vom Gas heißt die Devise bei der Beschleunigung des Prozesses, auf allen Straßen der Stadt das Tempo zu reduzieren. Die nächste Stufe, Darmstadt vom lästigen Verkehr zu befreien und alle Teilnehmer aufs Lastenrad zu bringen, ist die Totalsperrung für Fahrzeuge aller Art. So leb denn wohl, Darmstadt. Reiner Trabold

 

 

 

02.10.2022

 

Zeitenwende

 

Klar. Das Dreierbündnis aus Rot, Grün und Gelb lässt immer wieder offen, auf welche Farbe die Ampel gerade steht. Trotzdem erledigt sie ihre Arbeit - und regelt den Verkehr so schlecht nicht. Dass in diesen Krisenzeiten in Hunderten von Talkshows, Millionen von Tweeds und anderen digitalen Mitsprechern eine nie dagewesene Kakophonie entsteht, erschwert das Regieren. Fast jeder schwingt sich auf zum  Besserwisser. In nur wenigen Monaten hat sich die Welt verändert. Das sorgsam ausgearbeitete Koalitionspapier ist dadurch zerschossen und fast unbrauchbar geworden. Und trotzdem sind viele Zielsetzungen immer noch zu erkennen und werden sogar erreicht. Beispiel: Die Erhöhung des  Mindestlohns auf zwölf Euro. Als die festgelegt wurde, war freilich von einer nie dagewesenen Inflation noch keine Rede. Ein Krieg, mit dem beim Start der Ampel nicht zu rechnen war, eine Energiekrise, wie sie noch nie einer erlebt hat – und dann auch noch der dritte Corona-Winter. Vieles zeigt, dass wir uns haben übertölpeln lassen und Putins Reich eine von langer Hand vorbereitete Strategie verfolgt. Die Notlage offenbart gravierende Versäumnisse. Die so ehrgeizigen Klimaziele rücken in weite Ferne, in der Energie-Not drohen soziale Verwerfungen, am Ende steht die Erkenntnis, was mit Zeitenwende gemeint ist. Reiner Trabold

 

 

 

Putins Molche

 

Drohnen, Kampftaucher, Minen, U-Boot, Torpedos? Was muss nicht alles dafür herhalten, die Sprengungen der beiden Ostsee-Pipelines zu erklären. Und dass immer noch gezweifelt wird, wer hinter der Sabotage steckt. Nur einer hatte tatsächlich Zugang zu den Gazprom-Röhren: Er sitzt im Kreml und ist einer der größten Verbrecher seit Hitler. Und wie hat er das gemacht? Es gibt für Pipelines Geräte, die die Rohre von innen warten. Viele erinnern sich an den James-Bond-Thriller „Die Welt ist nicht genug“, in dem der Agent mit der Lizenz zum Töten auf einem Schlitten durch die Röhre rast. Diese Geräte sind keine Erfindung der Filmemacher, die gibt es wirklich. „Pig“ heißen sie nicht nur im Film, deutsch ist „Molch“ der Fachausdruck. Mit einem solchen Molch lässt sich jede Sprengladung im Rohr genau dorthin transportieren, wo sie hochgehen soll. Vor Bornholm, 150 Kilometer vor der deutschen Ostseeküste. Die Zerstörung der Versorgungsstränge hatte einen Grund: Zul unterstreichen, wer am längeren Hebel sitzt - und dass für den Westen aus Russland für alle Zeiten nichts mehr zu erwarten ist. Den Hahn abzudrehen, war Putin nicht genug. Mal sehen, welche Überraschungen er noch auf Lager hat.  Reiner Trabold

 

 

 

 

 

06. März 2022

 

Russisches „Verteidigungsministerium“?

 

Wenn ich vom „russischen Verteidigungsministerium“ höre, könnte ich wütend aus der Haut fahren. Putin führt Krieg, auch wenn er sich diese Lesart verbietet, als „Fake“ neuerdings sogar hart bestrafen lässt. Was ist es denn, wenn ein Land ein anderes überfällt, schießt, Bomben wirft, Panzer rollen und Raketen einschlagen lässt, wenn eine unschuldige Zivilbevölkerung ihr Heil in der Flucht sucht. Dieser Angriff auf einen Nachbarn und angebliche „Nazis“ hat mit Verteidigung nichts zu tun. Der russische Präsident und Diktator Putin zusammen mit dem belarussischen Tyrannen-Kompagnon Lukaschenko haben dabei einen Brand entfacht, der sich leicht ausbreiten und die ganze Welt in Brand geraten lassen kann. Wenn, ja wenn sich das westliche Verteidigungsbündnis NATO dazu verführen lässt, aktiv in diesen Krieg einzugreifen. Putin hat für sich schon mal festgestellt, dass die scharfen Wirtschaftssanktionen des Westens einer Kriegserklärung gleichkämen. Das hörte sich noch nicht so an, als habe der Treffer wirklich gesessen. Die Sichtweise würde sich wohl erst ändern, wenn der Westen Gas-, Öl- und Kohlelieferungen stoppten und dem durchgeknallten Russen den Geldhahn abdrehten, aus dem er sein Kriegsministerium und einen mörderischen Krieg finanziert. Mit den schmerzlichen Folgen für die von der russischen Energie Abhängigen. Reiner Trabold